zur Ausstellung

Sog

Daniela Minneboo

Begleittext zur Ausstellung in der Galerie Mark Müller, Zürich

Eine raumgreifende Installation durchzieht den Ausstellungsraum. Auf zwei Holz-stelen gespannt, hängen an einem Seil drei zerschnittene textile Bahnen der Arbeit Abwicklung, die an ein Zelt oder einen Baldachin erinnern. Erst bei näherer Betrachtung werden ihre Gebrauchsspuren sichtbar: Schmutz, Verfärbungen sowie Hand- und Fingerabdrücke zeichnen die Stoffe als Objekte mit einer Vorgeschichte aus. Was ist hier geschehen? Wurde die Behausung von einem Sturm zerstört, nach einem Fest zurückgelassen oder ist sie Zeugnis eines anderen, weniger harmlosen Ereignisses? Die Arbeit verweigert eine eindeutige Antwort und eröffnet stattdessen einen Raum für Spekulationen und Erzählungen.

Wie ein Bühnenbild oder die Überreste einer Handlung steht die Konstruktion im Raum. Ihre eigentliche Dimension erschliesst sich erst beim Durchqueren der Installation und im Blick von der gegenüberliegenden Seite. Die abgespannten Schnüre, die bis an die Wände reichen, markieren ein fragiles Gefüge zwischen Schutz und Verlust, zwischen Provisorium und Zerfall. Die Installation verändert dabei nicht nur den Ausstellungsraum, sondern auch dessen Wahrnehmung. Die gespannten Stoffbahnen strukturieren Bewegungen und Blickachsen neu; der Raum wirkt zugleich geöffnet und verstellt, durchlässig und blockiert. Gegenüber der Installation erscheint mit Hope eine weitere Arbeit: ein Ast, über den eine Zeltplane gelegt ist – reduziert auf die Andeutung eines provisorischen Schutzraums. Das Motiv des Zelts verweist auf temporäre Formen des Wohnens und Aufenthalts – auf Campingplätze, Festivalgelände, Trailerparks oder Flüchtlingslager.

Typisch für Bollers Arbeiten ist die Verschiebung vertrauter Materialien und Situationen in neue räumliche und gedankliche Zusammenhänge. Gebrauchsgegenstände, Baumaterialien oder gefundene Elemente verlieren dabei ihre ursprüngliche Funktion, ohne diese ganz abzustreifen. Gerade aus dieser Schwebe zwischen alltäglicher Realität und neuer Bedeutungsaufladung entwickelt sich die eigentümliche Spannung seiner Arbeiten. Fragen nach Konsum, Wert und Verfügbarkeit von Dingen schwingen mit: Die immer grössere Menge günstiger Freizeit- und Gebrauchsgegenstände, ihre kurze Lebensdauer und ihre rasche Ersetzbarkeit prägen die materielle Kultur der Gegenwart. Dabei oszilliert die Installation zwischen Spuren konkreter Nutzung und allgemeineren Vorstellungen von Fragilität, Verlust und sozialer Unsicherheit.

Nicht weit von Bollers Atelier befindet sich ein von der Stadt Zürich eingerichteter Tauschplatz, an dem funktionstüchtige Gegenstände abgegeben und mitgenommen werden können. Als Gegenmodell zur Wegwerflogik gedacht, erscheint er zugleich als Sinnbild für die Ambivalenzen unserer Konsumkultur. Auch diese Spannung zwischen Gebrauch, Wertschätzung und Entwertung von Dingen durchzieht Bollers Werk.

Zwei grossformatige Arbeiten mit dem Titel Pentagram zeigen rote fünfzackige Sterne, zusammengesetzt aus den Metallböden ausrangierter Regale. Die einzelnen Elemente wurden mehrfach grundiert und beschichtet, bevor sie mit einer tiefen roten Farbschicht überzogen wurden. Das matte Rot absorbiert das Licht, während die Metalloberflächen es zugleich reflektieren. So entstehen Bilder zwischen Präsenz und Auflösung, zwischen materieller Schwere und immaterieller Leere. Je nach Situation können die Arbeiten sowohl an der Wand als auch auf dem Boden präsentiert werden.

Der Stern – ein Pentagramm – gehört zu den ältesten und vieldeutigsten Symbolen der Kulturgeschichte. Er erscheint in religiösen, politischen und magischen Kontexten ebenso wie als Zeichen von Schutz, Macht oder Zugehörigkeit. Boller interessiert sich weniger für eine eindeutige Lesart als für die historischen und gesellschaftlichen Überlagerungen, die sich in das Symbol eingeschrieben haben – vom Schutzzeichen und sogenannten Drudenfuss bis hin zu Nationalflaggen, Bewertungssystemen oder politischen Emblemen.

Der Stern erscheint hier nicht als geschlossenes Zeichen, sondern als fragmentierte Konstruktion. Einzelne Elemente sind verschoben, verdreht oder ersetzt. Dadurch verliert das Symbol seine Eindeutigkeit und wird zu einer offenen Projektionsfläche zwischen Schutzzeichen, politischem Emblem und abstrakter Form. Im kleinen Büro der Galerie zeigt Boller zudem die Werkserie Borderline . Die drei Bilder – zwei nahezu quadratische Formate und ein liegendes Rechteck – bestehen aus pigmentiertem Leim, der Schicht für Schicht aufgetragen wurde. Während des Trocknens bilden sich Blasen, Verdichtungen und feine Verschiebungen im Material; zugleich treten die Buchstaben des Wortes „Borderline“ an die Oberfläche. Die Trennlinien zwischen den Farbfeldern – diagonal, vertikal oder horizontal – beginnen sich optisch aufzulösen. So entstehen Bilder, die an Sternenfelder, Sonnenstürme oder geologische Formationen erinnern. Der Titel verweist auf Grenzzustände und deren Verschiebung, kann aber auch Assoziationen an die gleichnamige psychische Erkrankung wecken. Wie in den skulpturalen Arbeiten interessiert Boller auch hier die Fragilität scheinbar fester Ordnungen.